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Marken, Onlinehandel und die Zukunft des Category Management

verfasst von Martin Groß-Albenhausen am 21. Mai 2013

Im heute veröffentlichten globalen Markenranking "BrandZ Top 100" von Millward Brown ist die Modemarke Prada nach einer Markenwertsteigerung um 63 Prozent auf 9,5 Mrd. Dollar auf Rang 95 in die Rangliste eingezogen. Nicht deshalb ist Prada allerdings auch großes Thema in der aktuellen Ausgabe der "Textilwirtschaft", sondern wegen der klaren Absage an den Verkauf über Internet.

Trotz der Absage - oder vielleicht gerade deshalb - wird Prada wertvoller. Und das zu einer Zeit, wo Luxus im Internet zu boomen beginnt und die exzellenten Online-Marketer mit Shops wie Emeza.de die Premium-Kategorien mit Macht erschließen wollen. Das wirft ein Schlaglicht auf das weiterhin schwierige Verhältnis von Marken und Internet. So gibt es seit vergangenem Jahr dem Vernehmen nach vermehrt Fälle, in denen Markenhersteller Händlern den Vertrieb über das Internet oder zumindest über bestimmte Plattformen verbieten. Ziel ist es dabei, den Preis zu halten und die Marke nicht in ihrem Wert zu verwässern. Preis und Zugang konstituieren den Luxus-Faktor.

Auf einer ganz anderen Ebene aber steht die Frage, wie sich Marken, die den Onlinehandel ausschließen oder einschränken, das Category Management vorstellen. CM war noch vor einigen Jahren auch im Versandhandel ein Modernisierungs-Ansatz, mit dem der Graben zwischen Einkauf und Verkauf überwunden werden sollte. Der bzw. die Hersteller sollten bei der Zusammenstellung und Optimierung der Kategorien beratend mitwirken; die Rollen wurden bis hin zum Category Captain sauber definiert.

Und dann kommt das Internet, in dem keine Regalmeter mehr zu bewirtschaften sind und Frequenzzonen zunehmend dynamisch bestückt werden. Und wo der Einsprung häufig beim Produkt erfolgt, aus einer Customer Journey heraus, die kurzerhand die Eingangszone und den Lauf überspringt. Das Internet, das mit dem Longtail und namentlich Amazon scheinbar - scheinbar! - den Category Killer schlechthin hervorgebracht hat.

In einer Befragung von 140 Händlern und Herstellern hat - der Zurückhaltung gegenüber dem Internet zum Trotz - schon 2012 die Unternehmensberatung McKinsey festgestellt, dass sich der Fokus von Category Management und ECR-Initiativen ändert:

"Während derzeit noch die meisten erfolgreichen Projekte auf der Vertriebs- und Sortimentsseite liegen, zeichnet sich eine Verschiebung zu Supply-Chain-Themen ab. Die Umfrage ergab, dass Themen rund um Bedarfsplanung, Logistik und Prozessoptimierung an Bedeutung zunehmen. Der digitale Projektbereich, der derzeit noch keine Rolle in der Zusammenarbeit spielt, wird von den meisten Befragten als Topzukunftsthema genannt," so das Fazit der Studie.

Schaut man genauer, welche Themen das Category Management künftig beschäftigen, sind es genau die Punkte, die das Online-Geschäft vom klassischen Handel unterscheiden: Consumer- und Shopper-Journey, E-/M-Commerce, Social Media und neue digitale Inhalte, und eben das komplexe Multichannel-Sortimentieren mit einem potentiell unbegrenzten Warenbestand.

Geht man auf den ursprünglichen Gedanken des Category Managements zurück, dann werden die Marken sich der Frage stellen müssen, wie sie mit den Marktplätzen umgehen, ob sie diese im Interesse valider Aussagen zum Onlinehandel wirklich ausschließen können. Denn die vergangene Woche vom bvh vorgestellten Quartalszahlen zeigen auch ganz eindeutig, dass Marktplätze aus Kundensicht in vielen Fällen nicht nur zur Customer Journey dazu gehören, sondern auch wichtigster Kaufort im Internet geworden sind.

Wenn die Customer Journey in hohem Maß über die Marktplätze oder zu ihnen hin führt, ist für die Marken eine effiziente Antwort auf die Kundenbedürfnisse ein Verkauf oder eine Präsenz ebendort. Selbst dann, wenn das Category Management Umsatz und Ertrag der mit einander verklammerten Händler und Hersteller optimieren sollte. Die Sorge vor dem Preisverfall reicht nur so weit.

Alle Sorgen von Händlern, dass sie irgendwann an den Rand gedrängt werden könnten, sind also voll berechtigt. Sie werden für die Marken als Partner künftig um so wichtiger, je besser und genauer sie selbst mit den Marken auch solche Daten des Online-Vertriebs teilen und gemeinsam optimieren können. Sie können so ihre Relevanz als Vertriebspartner der Marken nachweisen.

Dass Hersteller Händler auch kurzerhand auslisten, haben sie in diesem Jahr schon verschiedentlich gezeigt. Eine schlüssige Strategie lässt sich aus den Fällen derzeit nach meinem Eindruck nicht erkennen. Oder anders gesagt: Es wird eine sehr angespannte Partnerschaft zwischen Händlern, Marken und Marktplätzen bleiben.

Auf dem "etailment Summit 2.013" diskutieren Vertreter von Marken, Handel und Institutionen diese auch ordnungspolitisch relevante Thematik.

Potemkinsche Dörfer? Kriterien für die "eTown" der Zukunft

verfasst von Martin Groß-Albenhausen am 16. Mai 2013
Lösungen für den Handel 2020 - Beiträge mit diesem Icon kennzeichnen Themen, die auf dem etailment Summit 2.013 in Berlin diskutiert werden.

Zum zweiten Mal hat Google gemeinsam mit dem Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln besonders Internet-affine, kreisfreie Städte ermittelt und daraus zehn „eTowns“ ausgezeichnet. Das sind solche Städte, die gegenüber dem regionalen Umfeld deutlich höhere Werte der Online-Indiktatoren ausweisen. In diesem Jahr sind dies:

  • • Dresden (PLZ-Gebiet 0)
  • • Brandenburg an der Havel (PLZ-Gebiet 1)
  • • Kiel (PLZ-Gebiet 2)
  • • Kassel (PLZ-Gebiet 3)
  • • Osnabrück (PLZ-Gebiet 4)
  • • Koblenz (PLZ-Gebiet 5)
  • • Frankenthal (PLZ-Gebiet 6)
  • • Landau (PLZ-Gebiet 7)
  • • Ingolstadt (PLZ-Gebiet 8)
  • • Erfurt (PLZ-Gebiet 9)

Nun ist jede Auszeichnung nur so aussagekräftig wie die zu Grunde liegenden Kriterien. Sie werden hier aus dem seit 2011 erhobenen Business Model Monitor Digital des IW und der BITKOM und dem Zuwachs an AdWords-Nutzern ermittelt.

Damit misst der eTown-Award solche Städte, die relativ mehr Unternehmen mit hohem Digitalisierungsgrad haben als ihr Umfeld und auch das Internet im Vergleich aktiver für den Ausbau des Geschäftserfolgs nutzen.

So weit, so „e“. Toni Heide, der in Dresden – einer der eTowns 2013 – Fruchtsaft-Konzentrat unter der Domain deinsaft.de produziert und vertreibt, lobt denn auch die Möglichkeiten, durch den konsequenten Einsatz von Onlinewerbung regionale Bekanntheit zu erreichen und überregional Kunden zu gewinnen.

Auf meine Frage, ob der eigentliche Akt der „Gründung“ von deinsaft.de mit seinen diversen Behördengängen ein digitaler Prozess war, gilt auch für die eTown Dresden: ein komplett analoger Weg.

So erinnert mich diese Betrachtung der eTown an schön herausgeputzte Fassaden, die alte Bausubstanz verbergen. Wenn überhaupt welche da ist. 

So what? Aus eigener Erfahrung gesprochen: In Berlin wird, verglichen mit Bonn, in den Ämtern und Behörden noch in Keilschrift gemeisselt. Dem Online-Gründerboom tut dies keinen Abbruch. Man sollte digitale Prozesse in der Verwaltung als Standortfaktor also nicht überbewerten.

Aber wenn es um die Stadtentwicklung außerhalb der Boom-Städte geht, können solche entschiedenen Hinwendungen zum Internet als Leitmedium dann doch Investitionen anlocken. Für die Ansiedlung eines Großbetriebes werden Bebauungspläne geändert und Autobahnzufahrten verlegt. Was ist die digitale Autobahnzufahrt?

Genau hier hakt es häufig. Stadtentwickler sehen im Internet, wenn nicht eine Bedrohung, so doch bestenfalls ein notwendiges Übel. Eine Website muss sein, klar. Aber zu welchem Zweck, wie optimiert, mit welchen KPIs - das ist oft nicht zu erkennen.

Als ein Verfechter des Subsidiaritätsprinzips habe ich damit zunächst keine Schwierigkeiten. Onlinehändler zahlen zuweilen selbst für die Autobahnanbindung des Logistikzentrums. Geschäftsmodelle wie kaufda.de oder lokale Shopping-Apps wie Gettings oder, natürlich, Google springen dort ein, wo die Werbegemeinschaften mangels Knowhow oder Affinität passen müssen.

Für den Händler bedeutet das letztlich die Entscheidung, wer künftig der relevantere Werbepartner ist. Den kann er sich aussuchen. Die Stadtverwaltung nicht. Oder doch?

Eine eTown anhand der Werbeaktivität oder der digitalen Ausrichtung der Unternehmen zu bewerten, liefert also einen wichtigen Indikator: Auf solchem Nährboden können die Netzwerke wachsen, die Innovation treiben.

Dazu zählt aber auch, ob eine Stadt selbst die Chancen ergreift und die Infrastruktur baut, die eine Region beschleunigt. Dabei geht es nicht um das Verlegen von Glasfaserkabeln oder die Einrichtung von „Free Wifi“-Zonen. Es geht auch nicht darum, neue Firmen mit einem „e“ vor dem Namen in die Region zu ziehen. Sondern darum, die bestehenden Wirtschaftsunternehmen darin zu unterstützen, die Digitalisierung zu bewältigen: durch gezielte Investitionen, Förderung von Qualifizierungsinitiativen, eigene Best Practice darin, als Stadt „relevant“ zu werden oder zu bleiben.

Deutschland – sagte Alastair Bruce von Google heute bei der Vorstellung der eTowns 2013 – hat eine große Stärke gerade in seiner Regionalisierung. Diese Stärke kann man nur mit dem Internet bewahren, nicht dagegen. Das ist die Herausforderung u.a. für den Deutschen Städte- und Gemeindenbund. Dass dieser die eTowns-Studie unterstützt, werte ich als positives Signal.

Zum Thema „Regionales Online-Marketing“ veranstaltet der bvh gemeinsam mit der Unternehmensberatung elaboratum am 6. Juni 2013 ein eigenes Seminar. Mehr Informationen gibt es hier, die Anmeldung erfolgt direkt bei elaboratum.

Auf dem etailment Summit am 6.+7. November wird die „Smart City“ eines der Leitthemen - aus Perspektive des Handels, der Services und der Kunden.

02.05.2013
09:43
Uhr

In den Schuhen des Kunden laufen: Kleine Dinge statt großer Kampagnen

verfasst von Martin Groß-Albenhausen am 2. Mai 2013

Mein Vortrag über den "USP von Bleistiften" hat etwas die Runde gemacht und auch bei einigen Skepsis erzeugt. Denn natürlich ist richtig, dass besondere Services der nächste Bereich ist, in dem Unternehmen mit hoher Kapitalisierung und großem IT-Budget dem kleinen und mittlerem Händler die Differenzierung streitig machen können. Google Shopping Express zeigt in den USA gerade, dass "Same Day Delivery" nur zeitweilig einen Vorteil verschafft. Sobald konkurrierende Unternehmen alle an diese Plattform angeschlossen sind, wird der USP zur allgemeinen Erwartungshaltung.

Der Einkauf von Bleistiften auf Amazon ist kein wirkliches Erlebnis, die Suche und Filtermöglichkeit mäßig, die Produktdatenbasis beschränkt. Die Frage ist daher, wie klein ein Markt sein muss, um den Aufwand für ein Großunternehmen nicht mehr zu lohnen. Da wir davon ausgehen müssen, dass Vorsprünge in der IT dahinschmelzen und "Aufwand" relativ ist: Werden die Nischen am Ende so klein, dass sich der Aufwand auch für den kleinen Händler nicht mehr lohnt? Wenn das so ist, welche Perspektive hat der Facheinzelhandel noch?

Während Produktdaten noch relativ leicht zu standardisieren sind und daher der Vorsprung schneller schmilzt, ist dies bei Prozessen nicht der Fall. Reifen sind standardisierte Produkte und können bestens über Amazon verkauft werden. Ein Prozess, über den Werkstätten auf der Plattform verknüpft werden, ist alles andere als trivial und hat den Erfolg der Delticom AG begründet. Aktuell wird es spannend zu sehen, welchen Mehr-Nutzen das Project A-Projekt Tirendo dem gegenüberstellen wird.

Am Ende können das Kleinigkeiten sein, die aus dem Verständnis für die Nutzensituationen des Kunden heraus entstehen. Hier stehen die großen Plattformen vor höheren Hürden. Category Management ist ein Aspekt der Web-Exzellenz. Dem steht die Customer Excellence gegenüber.

Kleines Beispiel. Ich nutze seit einigen Tagen eine App zur Planung von Fahrrad-Touren. Es gibt etliche solcher Apps. Warum überzeugt mich Komoot? Die Funktionalitäten gibt es bei anderen vermutlich auch, die Tourenvorschläge haben ihre Grenzen wie bei allen.

Aber ein Blogeintrag hat mich begeistert, weil er zeigt, dass die Entwickler genau verstehen, wo der Spaß an einer App endet:

Auch wenn du mal nicht mit dem Internet verbunden bist, kannst du deinen Touren weiter folgen ohne die Offline-Karten geladen zu haben. Die clevere App merkt sich alle Kartenausschnitte, die du schonmal geladen hast. Um sicher zu gehen, dass du während der Tour das nötige Kartenmaterial hast, schaust du dir vorher, mit Internetverbindung, die gesamte Tour auf dem iPhone oder deinem Android-Telefon an. Und zwar in allen Zoomstufen, die du auch später brauchst. Alle Touren, Kartenausschnitte, POIs und Fotos, die du einmal angesehen hast, werden so automatisch gespeichert.

Karten herunterladen und den kleinen Speicher des Smartphones vollstopfen? Unnötig. Teure Daten-Roaming-Gebühren im Ausland? Nie wieder - die Tour plane ich ohnehin im Vorfeld, logge mich also im Hotel-WLAN ein und gehe oder fahre die Route danach einfach ab.

Verzichtet das Unternehmen dadurch auf Geld? Keineswegs, denn um die Tour in der Region zu planen, muss ich die Region samt aller möglichen Touren kostenpflichtig freischalten. Damit kann ich zwar die Karten auch komplett laden, aber dies ist eben nicht nötig.

Es ist ein kleiner Vorteil, aber er zeigt, dass der Anbieter quasi in die Pedalen seiner Kunden tritt.

Ob man im Laden berät oder im Internet ein Handelsgeschäft aufbaut: Die Lösung solcher kleiner Kundenprobleme schafft Bindung und hilft bei der Entwicklung von Produkten und Services, die nicht einfach zu kopieren sind.