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16.05.2012
16:34
Uhr

Print, ganz social und performance-orientiert? Geht doch!

verfasst von Martin Groß-Albenhausen am 17. Mai 2012


Kürzlich habe ich über das o.p.e.n.-Framework der amerikanischen Beraterin Kelly Mooney geschrieben. Kann Print als weiterhin lebendiger Werbeweg „online, personal, engaging, networked“ aufgebaut werden? Und vor allem: geht das in einer Form, die offline-Werbung in ihrer Viralität messbar macht?

 

Eine Lösung kommt über das gute alte Porto, aber in neuem Gewand. Im bvh-Team haben wir uns vergangene Woche genauer mit der Porto-Lösung „ResponsePlus“ beschäftigt. Diese bietet über den Matrix-Code viel weiterreichende Verfolgbarkeit von Print-Kommunikation als die klassische Antwort-Freimachung.

Ein Beispiel: Ein Modehändler kann im Store, im Katalog oder in einer Postwurfsendung „Like“-Karten beilegen. Auf diesen werde ein oder mehrere Hero-Produkte mit einem besonderen Angebot und dem Deep-Link in den Shop (eindeutige URL) verknüpft. Die Erst-Kontakte – also Filialkunden oder Adressaten der Print-Werbemittel – können einfach die Adresse eines Bekannten eingeben und die Postkarte in den nächsten Briefkasten werfen, ggf. auch mit einer kleinen Notiz.

Datenschutzrechtlich ist das unbedenklich, denn die Anschrift des „Referrals“ wird nicht an den Händler selbst gegeben. Die Eingabe des Deep-Link identifiziert den Nutzer jedoch als „Referral“ oder zumindest als „Clickthrough“ aus der Print-Werbung. Erfolgt eine Bestellung, kann zumindest abgeglichen werden, ob die Order aus der ursprünglichen Selektion (PLZ-Gebiet oder Adress-Selektion) stammt oder von einem Referral stammt.

ResponsePlus trackt darüber hinaus aber auch, wie viele der Karten überhaupt weitergeleitet wurden. Das kann zumindest auf die Kampagne heruntergebrochen werden (Kampagnen-Matrixcode) oder aber auch bis hin zu einzelnen PLZ-Regionen bzw. einzelnen Adressaten. So kann der Händler nachvollziehen, ob die Freundschaftswerbung im ersten Schritt noch erfolgreich war, aber das Angebot zu schwach war, um zur Conversion zu führen.

Im Premium-Segment können klassische „Involvement-Devices“ wie Abzieh-Bilder eingesetzt werden: Gamification mal ganz klassisch. Diese Techniken sind im Direct Marketing ja bewährt, geraten nur viel zu schnell in Vergessenheit.

Welche Informationen gewinnt der Händler aus der Aktion? Unter anderen die folgenden:

 

  • Eine aktive Freundschaftswerbung an sich ist schon ein Wertmerkmal, das beim Kunden oder Kundensegment vermerkt werden sollte – auch wenn der Empfänger der Freundschaftswerbung dann gar nicht aktiv wird.
  • Eine Aktivität des Empfängers der Freundschaftswerbung (Deep-Link) weist diesen als „Post-Reagierer“ aus – traditionell eine werthaltigere Klientel.
  • Selbst wenn der Empfänger der Freundschaftswerbung nicht sofort bestellt, kann der Versender über den Cookie die Freundschaftswerbung als „Assist“ in der Customer Journey mitführen.

Spannend daran finde ich, wie viele Elemente einer simplen Postkarten-Aktion abgestimmt werden müssen, damit am Ende die Werbung maximal davon profitiert. Und dass mit PURLs und Matrix-Codes, in Verbindung mit einem sinnvoll weiterentwickelten Response-Porto, die ehemalige Blackbox Printwerbung durchaus transparent und „performance-orientiert“ aufgebaut werden kann.

Das Porto wiederum fällt mit 45 Cent so teuer wie bei jeder Postkarte aus. Schon vor einigen Jahren hat die Post die Sondertarife für Werbeantworten abgeschafft. Deshalb wird sich eine solche Aktion um so besser rechnen, je mehr Messpunkte man einbaut, um den ROI entlang der Customer Journey zu erfassen.

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08.05.2012
09:02
Uhr

Performance, Scoring und die Arbeit am Angebot

verfasst von Martin Gross-Albenhausen am 8. Mai 2012


Am vergangenen Donnerstag zeigte der Fernsehsender 3Sat die Dokumentation „Bedingungslos gehorsam - der ferngesteuerte Krieger“. Darin stellte u.a. der amerikanische Waffenforscher Ronald Arkin vor, wie künftig Drohnen mit künstlicher Intelligenz ausgestattet aufgrund von Myriaden von Informationsdaten selbständig entscheiden, ob ein Ziel angegriffen wird oder nicht.

Die Überzeugung des Forschers war ebenso ernsthaft wie erschreckend naiv: Die Maschinen könnten besser als Menschen entscheiden, ob ein „Target“ vorliege oder nicht. Deshalb sei es besser, ihnen die Entscheidung zu überlassen.

Cum grano salis ist dies die gleiche Einstellung, die im modernen Performance-Marketing den Algorithmen die Entscheidung überlässt, ein Werbemittel online auszuspielen oder nicht, oder im Bidmanagement den Preis „real-time“ zu steigern. Auf welcher Basis? Auf der der Klicks und im Idealfall der Wandlung im Checkout bzw. der Werthaltigkeit oder des zu erwartenden Customer Lifetime Value.

Angefangen hat diese Entwicklung schon weit früher: Das moderne Database-Marketing und Data-Mining hat die ehemals wichtigsten Parameter des Direct Marketing, nämlich Recency, Frequency und Monetary Ratio (RFM), durch Scorewerte ersetzt. Ein Kunde, der schwache RFM-Werte ausweist, kann so dennoch mit Print- oder Onlinewerbung ausgestattet werden, sofern andere Kriterien (Alter, Geschlecht, soziodemographische Daten, Aktivitäts-Niveau in Social Media o.ä.) den schwächeren Transaktions-Score ausgleichen.

Einfacher gesagt: Dem System ist es egal, wie das Target einen Scorewert von z.B. 80 Punkten erreicht. Dadurch kann der Kundenstamm in manchen Feldern tiefer ausgeschöpft werden, in anderen Fällen Fehlinvestitionen vermieden werden.

Allerdings hat die Welt des Data-Mining einen problematischen Nebeneffekt: Der Marketer verliert das Ziel aus den Augen. So scheinbar grobschlächtig früher auch die Werbung im Push-Marketing vorgegangen ist, so hart wurde doch um das eigentliche Angebot gerungen. Der Werbegrund war noch fassbar: Ein Kunde mit kurz zurückliegendem Letztkauf wurde anders adressiert als ein Value-Kunde mit hohem kumuliertem Jahresumsatz, der gerade in der „Recency“ oder Kauf-Frequenz abzurutschen drohte. Oder: Eine im Vorfeld definierte Zielgruppe A wurde anders adressiert als eine Zielgruppe B.

Das Performance-Marketing bringt eine selten gekannte Effizienz in das (Online-)Marketing. Mit der alten Schule des RFM kann man Performance-Marketing nicht verstehen, geschweige denn steuern. Der langjährige blume200.de-Vorstand Erik Siekmann hat den Paradigmenwechsel auf der bvh 2.012 sehr klar beschrieben:

„Das Nutzerinteresse und nicht die Reichweite oder das Umfeld sind die entscheidenden Kennzahlen für die Werbemittel/-Content-Auslieferung. Das Umfeld ist nicht mit der Zielgruppe gleichzusetzen. Ein Zusammenhang zwischen Reichweite und Umfeld ist nicht mehr zwingend erforderlich. Buchungen unter Berücksichtigung des Umfelds – wenn auch gestützt durch Targeting – garantieren keine exakte Zielgruppenaussteuerung.“

Der Direktmarketer wählt das Werbeumfeld - also z.B. die Zeitschrift, in der er seinen Akquisitions-Katalog beilegt - bewusst aufgrund der Beschaffenheit der Leserschaft. Im Performance-Marketing wird z.B. in der Restplatz-Buchung zwar definiert, in welchen Umfeldern man nicht erscheinen möchte. Im übrigen aber ist es Sache der Algorithmen, wie oft und welchem Leser bei welchem Publisher wann eine Display-Anzeige ausgespielt wird.

Das ist ein Quantensprung gegenüber dem Direktmarketing, denn diese kalkulierte Blindheit gegenüber dem Umfeld erlaubt erst, so günstig erfolgreich zu werben. Freilich um den Preis der nicht mehr auf das Umfeld ausgerichteten - und damit unpersönlicheren Werbung.

Die neue Disziplin gaukelt deshalb auch Wissen vor, das in Wirklichkeit verloren geht. Denn die Algorithmen berechnen nur, dass die Wahrscheinlichkeit eines Klicks bei einem bestimmten Werbemittel, Umfeld und Nutzer hoch ist - ohne Anschauung des Angebots an sich. Die Angebote für so disparate Zielgruppen werden dabei - wie von Erik Siekmann beschrieben - notwendigerweise pauschaler. Das ist zunächst kein Manko, verlagert aber lediglich die Bildung von Zielgruppen und die Schärfung des Angebots nach hinten.

Retargeting macht dieses Defizit im sog. Frequency-Capping deutlich. Dem Nutzer, der sein Interesse ohne Kaufabschluss signalisiert hat, wird das Produkt wieder und wieder gezeigt, zuweilen mit einem Rabatt garniert. So lange, bis es lästig zu werden droht und daher die Ausspielung der Werbung eingestellt wird - um den Kunden nicht zu verärgern.

Warum der Nutzer vom Angebot nicht überzeugt war, spielt dabei keine Rolle. Der US-Direktmarketer Denny Hatch hat dies gerade am Beispiel von Zappos und Zalando erläutert. Den Algorithmen war nicht aufgefallen, dass Hatch eine spezielle Größe benötigte, die selten auf Lager ist. Stattdessen wurden lediglich Marken oder Modelle wieder und wieder in Displays abgebildet. Das ist kein Angebot - das ist eine nette Liste und damit um Meilen hinter den Standards, die das klassische Direktmarketing im vergangenen Jahrhundert aufgebaut hat.

Mich begeistert Performance Marketing, und mich begeistert Customer Journey-Analyse. Auch im klassischen Direktmarketing gilt die eine Regel: Es geht darum, „was“ funktioniert, nicht „warum“ es funktioniert. Der Direktmarketer verlässt sich auf Tests, die in harten Zahlen zeigen, welcher Wurm dem Fisch schmeckt - warum es dieser und nicht der andere Wurm war, ist zunächst erst Mal unerheblich.

Auch für einen Interaktiven Händler, der auf Hundeartikel spezialisiert ist, macht Re-Targeting Sinn - weil er ja nur denjenigen adressiert, der schon einmal bei ihm im Shop gewesen ist und sich für ein bestimmtes Produkt interessiert hat. Entscheidend ist für ihn deshalb, dass das Publisher-Netzwerk genügend attraktive Seiten hat, auf denen der „Interessent ohne Kauf“ und das Angebot des Händlers einander wieder begegnen können.

Um wirklich erfolgreich mit den einmal gewonnen Kunden weiterzuarbeiten, muss der Händler dann aber am Inhalt der Werbung, am Angebot arbeiten. Und hier helfen ihm Algorithmen allein nicht mehr weiter. Angebote zu machen, das ist Kernkompetenz des Händler. Angebot und Zielgruppe müssen miteinander verklammert werden, nicht Produkt und Cookie. Eine Zielgruppe wiederum muss beschreibbar sein - ein Score-Wert liefert diese Beschreibung nicht.

Die Konzentration auf Produkte statt Angeboten liegt im Kern des Performance-Marketings und führt dazu, dass (mit Alexander Grafs Worten) „E-Commerce doof ist“. Ob Targeting, Retargeting, Behavioural Targeting oder Predictive Behavioural Targeting: Sie alle führen zu keiner Verbesserung der Haltbarkeit und des Customer Lifetime Value, wenn nicht das nachfolgende Angebot einzigartig und unmittelbar zwingend ist.

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